Der Kosmopolit – Von einem der auszog, um die Welt zu erkunden

Flaggen einiger Länder sind entlang einer Leine aufgehängt

Ein Kosmopolit oder auch „Weltbürger“ ist für mich jemand, der wechselweise in verschiedenen Ländern lebt und sich der gesamten Menschheit verpflichtet fühlt. Kurz gesagt ein über die nationalen Grenzen hinaus denkender Mensch. Jetzt werden sich die, die mich besser kennen, zu Recht fragen, was mich mit einem Kosmopoliten verbindet. So viele Länder dieser Erde habe ich noch nicht bereist, ich lebe seit dem Tag meiner Geburt in Wien und was Sprachen angeht, bin ich mit Deutsch, Englisch und Italienisch (hätte ich zumindest einmal gelernt) auch eher sehr flach unterwegs. Da habt ihr natürlich vollkommen recht, aber versucht nun einmal die Sichtweise eurer Welt hinter euch zu lassen und taucht nur für ein paar Minuten in meine Welt des Sports ein.

„10er, 6er, hinter die Abwehr spielen, Raute, verschieben, Kreuzen, Einlaufen, Flieger, Gegenstoß, Wende, Startsprung, Armzug, 3-tech, Cover-3, Cover-4, Shotgun, Outside Contain, Strongside, Dump and Chase, Cross Check, Guarding, Jump shot, Hook shot, Back Board, Bounce Pass, Serve and Volley, Slice, Longline, Cross, Love, Break, Drop, Drive, Kill, Shuttle, Clear, Spike, Line Shot, Cut Shot, Block, Antenna, Approach, Dig, Ashi, Ashi waza, Hajime, Hidari, Hiji, Hiza, Ippon, Roundhouse, Hook, Jab, Kidney Punch, Knockdown etc.“

Ersetzen wir ganz einfach mal Länder durch Sportarten. So habe ich in den letzten 40 Jahren in gut 15-20 Sportarten gelebt und deren Sprache sprechen gelernt. 
Manchmal in mehreren gleichzeitig, aber in keiner kürzer als 2 Jahre. Natürlich gibt es eine Sportart in der ich aufgewachsen bin, darin könnte man mich auch als „native speaker“ bezeichnen. Auch gibt es Sportarten in denen ich so lange verweilt habe, um mich heimisch zu fühlen, auch wenn ich nicht mit der jeweiligen Sprache und Kultur aufgewachsen bin. Bei uns nennt man solche Leute „Zuagroaste“.


Habt ihr eigentlich gewusst, dass man in Griechenland niemandem mit der offenen Hand zuwinken sollte (wie bei uns Mittelfinger zeigen) oder in Italien Kaffee mit Milch nur am Vormittag getrunken wird (Milch ist ein Teil des Frühstücks – danach nur Espressi). In Spanien sollte man zum Beispiel immer eine Pepsi-Cola oder ein Coca-Cola bestellen. „Cola“ alleine wäre ein Begriff für das männliche Geschlechtsteil und würde euch einige Lacher einbringen. 
Das sind nur einzelne Beispiele für sprachliche oder kulturelle Unterschiede, die man beachten sollte, wenn man in ein anderes Land in Urlaub fährt. Und genau dieselben Unterschiede gibt es auch im Sport zwischen den einzelnen Sportarten.

Ihr werdet mit einer Football- oder EishockeyspielerIn anders sprechen müssen, als mit einer SynchronschwimmerIn. Auch wenn ihr am Ende vielleicht dieselben Inhalte vermitteln müsst, so werdet ihr das mit Sicherheit auf eine andere Art und Weise tun müssen. 
Wenn ihr einen sportwissenschaftlichen Hintergrund habt, dann müsst ihr damit rechnen, dass vor allem ältere TrainerInnen oder auch SpielerInnen oft nur wenig mit dem, was ihr sagt, anfangen können. Das soll jetzt nicht abwertend klingen, sondern einfach ein generelles Problem aufzeigen, dem wir alle auch im Alltag immer wieder begegnen werden. Bei mir ist das nicht anders, oder glaubt ihr ich verstehe auch nur ein Wort, wenn mir mein Automechaniker erklärt wie er die Lichtmaschine ausgebaut hat und vor allem warum er das getan hat und und und?

Mein Chemieprofessor hat immer gesagt: „Wenn du nicht in der Lage bist das Gelernte einem normalen Menschen auf der Straße zu erklären, dann hast du es selbst nicht gut genug verstanden.“ (eine Interpretation eines bekannten Zitates von Albert Einstein).

Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass gerade wir als TrainerInnen oder TherapeutInnen es in der richtigen Sprache sowie im entsprechenden „kulturellen“ Kontext vermitteln können müssen. 
Ich selbst bin gerade wieder in einer Situation, in der ich komplett von null beginnen muss. Und es wird noch viel schlimmer, denn ich verlasse nicht nur meine klassischen Sportarten, sondern ich begebe mich auch auf „kulturelles“ Neuland. 
Ich erarbeite mit meinen Kollegen momentan ein Performancekonzept für die Ballettakademie der Wiener Staatsoper, welches wir dort ab Herbst umsetzen werden.

Die Bereiche Physiotherapie und Ernährung arbeiten schon seit mehr als einem Jahr mit der Akademie zusammen und haben dort jetzt die Tür für den Athletikbereich geöffnet. Eine Tür, die mich in eine völlig neue Welt führt. Mittlerweile befasse ich mich schon seit Wochen damit, ihre Sprache zu lernen und zu verstehen wie die Bewohner dieser Welt denken. Ich möchte wissen wie sie fühlen, wovor sie Angst haben und wie ich ihnen helfen kann ihre gesetzten Ziele zu erreichen. 
Fragt ihr euch jetzt wie ich das mache? Na ja, die Lösung für dieses Problem ist ganz einfach; ich verbringe Zeit mit ihnen. Ich bin, so gut es geht, vor Ort und beobachte. Es geht darum die Atmosphäre vor Ort zu spüren, zu sehen wie sie miteinander reden, wie sie Inhalte vermitteln und wie sie in gewissen Situationen agieren. 
Dann versuche ich mit den Verantwortlichen und den beteiligten Personen so viel wie möglich zu sprechen und über sie zu erfahren. Und der dritte Punkt ist dann natürlich noch die wissenschaftliche Recherche. Ich lese alles, was ich zum Thema finden kann.

Vielleicht wundern sich jetzt einige von euch darüber, dass ich die wissenschaftliche Recherche erst an dritter Stelle genannt habe, aber genau da gehört sie für mich auch hin. 
Es gibt immer wieder KollegInnen, die unter dem Deckmantel der Wissenschaft nichts anderes machen als wissenschaftliche Abhandlungen zu den diversen Fragestellungen zu lesen. Als hätten sie Scheuklappen auf, beachten sie nichts anderes und schauen weder nach links noch nach rechts. 
Für mich ist das so, als würde ich jährlich einen Reiseführer lesen, anstatt wirklich auf Urlaub zu fahren. Anschließend erzähle ich jedem was im Reiseführer steht, ohne jemals dort gewesen zu sein. Gut das kann in diesem Fall vielleicht sogar gut gehen, aber in unserem Fall reicht das einfach nicht und geht das einfach nicht genug in die Tiefe.


Bitte denkt jetzt nicht, dass das nur mich bzw. mein Arbeitsfeld betreffen würde. Im Gegenteil, es betrifft jede und jeden im erweiterten Gesundheitsbereich oder auch der klassischen Fitnessbranche. Auch wenn wir vielleicht alle dieselbe Sprache sprechen sollten, so sprechen wir doch alle etwas anders bzw. verstehen wir nicht immer dasselbe. Doch genau darum geht es! Wenn wir wirklich unseren AthletInnen, PatientInnen und auch KundInnen weiterhelfen wollen, dann müssen wir einen Weg finden, um mit ihnen klar und verständlich zu kommunizieren.
 Trotzdem findet dieser Punkt in praktisch keiner TrainerInnenausbildung einen Platz. Viel zu selten werden Themen wie Sprechtechnik, Ausdruck oder auch das „Lesen“ und die Interpretation von Körpersprache geschult. Dabei wäre das aus meiner Sicht so unglaublich wichtig.


Ihr könnt fachlich wissen, was ihr wollt, wenn ihr nicht wisst wie ihr mit euren AthletInnen, PatientInnen oder KundInnen sprechen müsst, dann habt nicht nur ihr verloren, sondern auch der Mensch, der zu euch gekommen ist! 
Was ist meiner Meinung nach die wichtigste Eigenschaft, die ein Kosmopolit mitbringt? Ganz einfach, er ist anpassungsfähig!


Verliert euch nicht im Streben danach die/der TrainerIn oder TherapeutIn zu sein, die/der am meisten Ausbildungen, Zertifikate und Fachwissen angehäuft hat. Werdet die/der TrainerIn oder TherapeutIn die/der am anpassungsfähigsten ist. Die/der Wissen besitzt, welches sie/er auch jeder und jedem auf der Straße vermitteln kann. Werdet so wandelbar und vielfältig wie die Situationen, in denen ihr euch ganz schnell befinden könntet, denn ihr seid diejenigen von denen man sich eine Lösung für diese Situationen erwartet. Verbringt vielleicht einmal einen „Kurzurlaub“ in einer Sportart oder auf einem Gebiet, auf dem ihr nicht ganz so sicher seid und schaut, was ihr mitnehmen könnt. Oder setzt euch einfach mal in ein Cafè in Rom abseits der Touristenmeilen und beobachtet die Menschen um euch herum. Versucht sie zu verstehen, auch wenn ihr kein Wort von dem versteht, was sie sagen. Bekommt ein Gefühl für ihre Mimik, für ihre Gesten und versucht einfach euch ein wenig in die jeweilige Situation hineinziehen zu lassen.

Ihr glaubt gar nicht wie viele Probleme im Performancebereich sich nicht durch das Lesen von Fachbüchern lösen lassen. In diesem Sinne, genießt die Sonne und das schöne Wetter, hinterlasst mir Feedback (Instagram @matwiese/@trainerdevelopment oder E-Mail) wenn euch dieser Artikel gefallen hat und freut euch auf die Einblicke aus meiner Arbeit, die noch kommen werden.

Euer Mathias